Pressemeldung

Vortragsabend in der Auerbacher Synagoge

„An allem sind die Juden schuld“ – Geschichte der Judenfeindschaft

Bensheim-Auerbach. Wie entstehen antisemitische Feindbilder, warum halten sie sich über Jahrhunderte und weshalb werden jüdische Menschen gerade in Zeiten gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Krisen immer wieder zu Sündenböcken gemacht? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Vortrag „An allem sind die Juden schuld. Die Geschichte der Judenfeindschaft“ von Dr. Laura Herr am Donnerstagabend in der ehemaligen Synagoge in Bensheim-Auerbach.

Die Wirtschaftshistorikerin Dr. Laura Herr gab einen historischen Überblick über Antijudaismus und Antisemitismus von der Antike bis in die Gegenwart. Dabei zeigte sie auf, wie sich Formen und Begründungen der Judenfeindschaft im Laufe der Geschichte verändert haben. Während Antijudaismus zunächst vor allem religiös begründet war, entwickelte sich im 19. Jahrhundert der moderne Antisemitismus, der jüdische Menschen zunehmend mit vermeintlich „rassischen“ Merkmalen und Vorstellungen von gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Macht verknüpfte. Gerade in Zeiten von Krisen und tiefgreifenden Veränderungen wurden komplexe Entwicklungen vereinfacht und jüdische Menschen für wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht.

An Beispielen von den Pestepidemien des Mittelalters über die wirtschaftlichen Krisen des 19. Jahrhunderts bis zur Weimarer Republik wurde deutlich, wie gefährlich solche Erzählungen werden können. In der Weimarer Republik verband sich Antisemitismus zunehmend mit Demokratiefeindlichkeit und wurde schließlich zu einem zentralen Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie und des Terrors. Auch nach 1945 verschwanden antisemitische Denkmuster nicht vollständig, sondern wurden in unterschiedlichen Formen weitergetragen.

Der Titel des Vortrags greift dabei einen historischen Ausspruch auf, der besonders durch das gleichnamige satirische Couplet von Friedrich Hollaender aus dem Jahr 1931 bekannt wurde. Hollaenders Lied machte die Absurdität antisemitischer Schuldzuweisungen sichtbar, indem es die Behauptung, „die Juden“ seien für sämtliche Probleme verantwortlich, überspitzt darstellte. Das Beispiel verweist zugleich auf ein bis heute wirksames Muster: Komplexe gesellschaftliche Entwicklungen werden auf eine vermeintlich eindeutig schuldige Gruppe reduziert.

Dass der Vortrag gerade in der ehemaligen Auerbacher Synagoge stattfand, verlieh dem Thema eine besondere historische Dimension. Die spätbarocke Landsynagoge wurde 1779 erbaut und gehört zu den wenigen jüdischen Gotteshäusern, die während der Reichspogromnacht 1938 nicht zerstört wurden. Nachdem die jüdische Gemeinde in Auerbach unter der nationalsozialistischen Verfolgung weitgehend ausgelöscht worden war, wurde das Gebäude später von der Stadt Bensheim restauriert und 1986 dem Auerbacher Synagogenverein zur Nutzung für religiöse und kulturelle Veranstaltungen übergeben.

Der Auerbacher Synagogenverein trägt damit wesentlich dazu bei, die Geschichte der jüdischen Gemeinde vor Ort lebendig zu halten und die ehemalige Synagoge als Ort der Erinnerung, Bildung und Begegnung zu nutzen. Zu den Zielen des Vereins gehören ausdrücklich die Auseinandersetzung mit der Geschichte der jüdischen Gemeinden, die Vermittlung von Wissen über das Judentum sowie die Sensibilisierung für fremdenfeindliche und antisemitische Tendenzen und die Förderung eines toleranten Zusammenlebens. Vorsitzende des Vereins ist Ursula Schlosser.

Der gestrige Abend verband damit historische Bildung und die Frage nach der Gegenwart: Wie entstehen Feindbilder? Warum funktionieren antisemitische Erzählungen immer wieder? Und was bedeutet es für eine demokratische Gesellschaft, wenn Minderheiten für Krisen und gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht werden?

Unterstützt wurde die Veranstaltung durch die Partnerschaft für Demokratie Bensheim aus Fördermitteln des Bundesprogramms „Demokratie leben!“. Die Partnerschaft ist der lokale Ableger des Bundesprogramms und fördert in Bensheim Projekte, die Demokratie stärken, Vielfalt gestalten und extremistischen Entwicklungen vorbeugen. Antisemitismus gehört ausdrücklich zu den Themenfeldern, mit denen sich geförderte Projekte auseinandersetzen können.

Damit steht der Vortrag beispielhaft für den Anspruch von „Demokratie leben!“ in Bensheim: Demokratieförderung bedeutet nicht nur, über demokratische Institutionen zu sprechen, sondern auch die historischen und gesellschaftlichen Ursachen von Ausgrenzung, Menschenfeindlichkeit und Demokratiefeindlichkeit sichtbar zu machen. Wissen über die Geschichte kann dabei helfen, antisemitische Muster frühzeitig zu erkennen, ihnen entgegenzutreten und den Wert eines respektvollen und vielfältigen gesellschaftlichen Miteinanders zu stärken.

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